Praktikumsbericht

„Das beste ist ein freundliches Lächeln“ – Praktikumsbericht von Daniel

Zu meinem Praktikum beim Infobus des Münchner Flüchtlingsrats bin ich eher zufällig gekommen. Die Juristin, für die ich vorher Assistenztätigkeiten übernommen habe, wollte sich für Flüchtlinge engagieren und Rechtsberatung leisten, und hat deshalb Kontakt mit dem Infobus aufgenommen. Im Zuge dessen durfte ich viele Projektmitglieder kennenlernen und war sofort von deren Herzlichkeit und Engagement begeistert. Da ich im Rahmen meines Politik-Studiums an der LMU sowieso noch ein Praktikum absolvieren musste, schien mir eine diesbezügliche Anfrage beim Infobus als gute Idee.

Und damit lag ich nicht falsch. Obwohl ich derzeit erst seit anderthalb Wochen dabei bin, kann ich schon sagen, dass die Arbeit vielseitig, interessant und spannend, ebenso oft aber leider auch nervenaufreibend und schockierend ist. Wenn man beispielsweise hört, dass ein syrischer Vater und sein vierjähriger, leukämiekranker Sohn bereits seit Monaten in einer vom Hygiene- und Ernährungsstandard völlig unzureichenden Notunterkunft festsitzen und mit aller Kraft aber doch vergebens um den bereits lange versprochenen Transfer in eine passendere Einrichtung kämpfen, dann geht man einfach am Ende des Tages mit einem miesen Gefühl heim…

Nicht überraschend, dass es noch unzählige andere Beispiele ähnlicher Leidensgeschichten gibt, doch um sich auch auf die positiven Seiten zu konzentrieren: Das Beste ist für mich zurzeit einfach ein freundliches Lächeln, ein kurzer aufmunternder Kommentar von einem Geflohenen oder ein einfaches „Danke“ für meine dürftigen Hilfsangebote.

Ein paar Mal hatte ich auch die Gelegenheit, den Flüchtlingskindern beim Spielen im Hof zuzusehen oder sogar mitzumachen. Ich finde es inspirierend, welche Unbeschwertheit sie nach all den unvorstellbaren Schreckensgeschichten, die sie erleiden mussten, noch an den Tag legen können. Diskriminierung, Verhetzung, Gewalt, Krieg, Tod, Folter, Menschenhandel, Prostitution, Flucht, Krankheit, Armut und ständige Angst – eigentlich ist es ein Wunder, dass diese Menschen überhaupt noch positiv Denken können. Aber mit ihrer Hoffnung und ihrem Enthusiasmus, in und mit Deutschland ein sichereres und freieres Leben finden zu können, stecken sie mich jedes Mal aufs Neue an und helfen mir dabei, meine Aufgaben hier ebenfalls mit einem Lächeln auf dem Gesicht machen zu können. Die Arbeit kommt mir vor, wie ein ständiges Geben und Nehmen: Ich gebe all mein Wissen, meine Zeit und meine Energie und nehme einfach das Gefühl mit nach Hause, die Welt wenigstens ein kleines Stück besser gemacht zu haben. Das treibt mich an und gibt mir selbst nach einem bedrückenden Tag den Tatendrag, um am nächsten Morgen weiterzumachen.

Ich bin gespannt, was die kommenden sechs Monate meines Praktikums noch bringen, und weiß jetzt schon, dass meine Arbeit mit Flüchtlingen danach nicht vorbei sein wird.



Täglich suchen Asylsuchende beim Infobus Hilfe. Manchmal wird Asyl gestattet, ein anderes Mal nicht. Das ist Farhads Geschichte

Eine lange Reise

Farhad A. sitzt mit seinem Cousin im Infobus in der Bayernkaserne und erzählt nachdenklich seine Geschichte. Seine Eltern sind Afghanen, er aber ist im Iran geboren und aufgewachsen. Alles war gut – bis er studieren wollte. Denn das ist im Iran nicht ganz einfach. Die Universität forderte von ihm einen gültigen Pass – und zwar einen afghanischen. Der junge Mann machte sich also auf ins Heimatland seiner Eltern, wo man ihn jedoch nicht willkommen hieß, sondern ihn wie einen Verbrecher behandelte. Aufgrund schwerer Diskrepanzen, die sein Vater mit dem afghanischen Staat hatte, wurde Farhad festgenommen und brutal gefoltert. „Sie haben ein Becken mit Wasser gefüllt“, erzählt Farhad mit leiser, aber deutlicher Stimme. Dann kamen die Stromschläge, die ins Wasser geleitet wurden. Hier, im sicheren Deutschland kann er diese Geschichte erzählen. Neben ihm sitzt sein Cousin, der ebenfalls gefoltert wurde – er aber versteht unsere Sprache noch nicht. Farhad floh 2007, mit nur 24 Jahren. 2007 war ein blutiges Jahr am Hindukusch. Trotzdem gelingt die Flucht. Er kann sich nicht daran erinnern, wie er das geschafft hat. Er möchte nicht ausführlich über die Folter und seine Flucht sprechen. Seine Flucht soll drei Jahre dauern, als erstes geht es für ihn nach Griechenland. Dort ist die Lage katastrophal, also flieht er weiter, nach Norwegen. Aber das Dublin-Verfahren kennt keine Gnade – Farhad muss zurück nach Griechenland. Und das, obwohl er seine Beine und Arme auf Grund der schweren Folter nicht mehr vollständig bewegen kann.

Ein treuer Freund

In Griechenland trifft der junge Mann, der heute 32 ist, einen Journalisten. Der hat Mitleid, sorgt für ärztliche Notbehandlung und ein Flugticket. 2010 geht es mit gefälschtem Pass nach Deutschland, next stop München. „Ohne den Journalisten wäre ich heute nicht hier“, erzählt Farhad. In Deutschland wird er auf den Infobus des Münchner Flüchtlingsrats aufmerksam. Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin bereitet er sich ausführlich auf seine Anhörung vor. Farhad ist krank, er wurde schwer gefoltert. Nach neun Monaten wird ihm Asyl gestattet – nun bekommt er endlich auch die richtige medizinische Pflege. Die Hand können die Ärzte vollständig retten, die Nerven im linken Bein sind zu schwer verletzt. Das Fazit der behandelnden Ärzte: Wäre er noch früher gekommen, hätten sie auch das Bein retten können. Aber Farhad will nicht klagen. Er ist verheiratet, studiert in Augsburg Informatik. Er und seine Frau haben eine zweijährige Tochter, sie haben ihr zwei Namen gegeben: Einen deutschen und einen afghanischen.
Farhad ist zurück im Infobus, fünf Jahre sind seit seiner Flucht vergangen. Er wünscht sich, dass sein schwer traumatisierter Cousin die gleiche Chance bekommt wie er – allerdings hat er seinen Fingerabdruck bereits in Ungarn abgegeben hat. Prinzipiell bedeutet das, dass er laut dem Dublin-Abkommen wieder zurück nach Ungarn müsste. Vielleicht kann der Infobus ihm helfen. Für Farhad steht fest: „Ohne den Infobus, hätte ich nicht hierbleiben dürfen.“

aufgezeichnet im August 2015 in der Bayernkaserne



 

Eindrücke einer Praktikantin am Infobus

Nach meinem Abitur wollte ich nicht gleich mit einer Ausbildung bzw. einem Studium anfangen. Ich wollte etwas Sinnvolles machen. Nach relativ kurzer Suche bin ich beim Infobus gelandet. Die Vorstellung direkt mit Menschen in Kontakt zu treten, die aus Verschiedensten Gründen ihre eigene Heimat verlassen haben und nun hier auf Asyl hoffen, kam mir nicht nur interessant, sondern ebenso wichtig vor. Auch wenn ich weiß, dass ich als Einzelne kaum etwas an ihrer derzeitigen Situation ändern kann, so hatte ich doch das Bedürfnis ihnen so gut ich kann zu helfen. Und Ihnen zu zeigen, dass es Menschen gibt die sie hier Willkommen heißen.

Das Infobus Team hat mich mehr als herzlich aufgenommen und sofort in ihre Arbeit integriert.

Schon an meinem ersten Tag durfte ich mit zu einer Besichtigung der Fahrzeughalle in der Bayernkaserne, die zu diesem Zeitpunkt übergangsweise als zusätzliche Unterkunft genutzt wurde. Bis zu 120 Menschen schliefen dort in einem Raum, der teilweise nur durch Vorhänge vom nächsten getrennt wurde. Die Heizung funktionierte nur bedingt, sie war und ist ganz einfach nicht dafür gedacht eine Panzerhalle für ca. 120 Bewohner warm zu halten.

Zusätzlich waren die Sanitären Anlagen nicht nur in Containern untergebracht sondern teilweise funktionsuntüchtig, den Bewohnern fehlte auch die Möglichkeit ihre Wertgegenstände sicher einzuschließen.

Nach der Besichtigung begann die normale Schicht am Infobus.

Dort wurde mir zum ersten Mal klar, dass die Lebensumstände der Bewohner zwar weit schlimmer sind als ich erwartet hätte, die Menschen aber größtenteils unglaublich freundlich, witzig und trotz allem viel motivierter sind als ich angenommen hatte.

Ein kleines Mädchen, ca. fünf Jahre alt war mit ihrem Vater beim Infobus, nachdem dieser sich beraten hat lassen, kam sie zu mir, grinste und sagte „Ich liebe dich.“ . Wahrscheinlich der einzige Deutsche Satz den sie kannte und wahrscheinlich wusste sie auch nicht wirklich was er bedeutet.

Ein anderes Mal nutze es eine ganze syrische Großfamilie schamlos aus, dass ich kein Arabisch spreche. Sie sangen und tanzten vor sich hin und fragten mich auf Englisch nach meinem Namen. Als ich nach ihren fragte sagten sie mir Wörter vor, die ich für ihre Namen hielt und deshalb nachplapperte. Erst als alle Beteiligten in schallendes Gelächter ausbrachen und ein kleiner Junge unmissverständliche Pantomime vorführte, begriff ich, dass ich einen der jungen Männer unfreiwillig dazu aufgefordert hatte mich zu küssen.

Aber es sind bei weitem nicht alle die so unbeschwert mit ihrer Vergangenheit umgehen und in die Zukunft blicken. Immer wieder kommen Jungs zu uns die eigentlich noch minderjährig sind, aufgrund von Ungültigkeit oder Fehlen ihrer Personalien von eigentlich unbefugten Personen via Augenschein für volljährig befunden werden.

In diesen Fällen sind sie dann, auf ihren in Deutschland gültigen Papieren, 18 oder älter und werden als Folge dessen ihrem tatsächlichen Alter nicht entsprechend behandelt. Das heißt sie werden in andere Unterkünfte verlegt und/oder nicht in die Bereiche für Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eingeteilt. Dort fehlt es ihnen an sozialpädagogischer Betreuung auf die die teilweise traumatisierten Minderjährigen so dringend angewiesen sind.

Das derzeit größte Problem der Flüchtlinge ist derzeit, neben Anträgen auf Familienzusammenführung, die Organisation. Bevor ein Flüchtling ein Recht auf Geld und Kleidung bekommt, ist ein Termin beim Gesundheitsamt erforderlich. Das Amt ist aber mit der Menge an Menschen restlos überfordert. Täglich haben ca. 120 Menschen einen Termin, nur ca. 70 Flüchtlinge werden allerdings tatsächlich untersucht. Dadurch werden immer mehr Termine auf- Bzw. verschoben und die Menschen müssen dem entsprechend lange sowohl auf finanzielle als auch auf materielle Unterstützung warten.

Immer wieder kommen auch Menschen zu uns die sich nicht nur über ihr Asylverfahren informieren wollen, sondern aufgrund ihrer unvorstellbar schrecklichen Schicksale zunächst einmal ganz andere Hilfe benötigen. Erwachsene Männer sitzen weinend bei uns im Bus Jugendliche zeigen uns ihre Verletzungen. In solchen Fällen versuchen wir so weit wie möglich zu helfen und leiten die Betroffenen dann meistens an die, sich auf dem Gelände der Bayernkaserne befindende, Innere Mission weiter, die sich ausschließlich um soziale Probleme kümmert.

Die Flüchtlingsarbeit ist ein unglaublich weitläufiges Gebiet, dass sich über die Stadt, die Regierung, Ärzte, Krankenhäuser, Schulen und mehrere Organisationen erstreckt.

Dadurch hat der Infobus zusätzlich auch noch mit einer Menge organisatorischer Probleme zu kämpfen. Jede Woche gibt es etwas neues das irgendwo mit irgendwem abgesprochen und von irgendwelchen Ämtern abgesegnet werden muss. Immer wieder kommt es vor, dass das Infobusteam vor verschlossenen Türen steht und aus irgendwelchen nicht vorhandenen Gründen nicht mehr befugt ist die Häuser zu betreten.

Trotz allem denke, dass durch die Arbeit des Teams Menschen wirklich geholfen und der Start in ein Leben im bürokratischen Deutschland zumindest ein wenig erleichtert wird.