Saskia und Ilyaas – Bericht aus einer unserer Sprachpartnerschaften

Kamele haben ein Gedächtnis

Kamele haben einen besseren Orientierungssinn als ich. Das weiß ich, weil mir mein Sprachpartner Ilyaas eine wundervolle Geschichte aus seiner Heimat Somalia erzählt hat: Ilyaas acht Geschwister und die Eltern haben einen kleinen Hof, auf dem sie zahlreiche Tiere halten – vor allem Ziegen und Kamele. Da Somalia nicht zu den reicheren Ländern dieser Welt gehört, sind viele Nahrungsmittel knapp für Mensch und Tier. Ilyaas Familie hat sich daher etwas Geniales überlegt: Sie bieten den Kamelen zwar einen Ort zum Schlafen, die Tiere sollen sich aber selbst um ihr Futter kümmern, das ein paar Kilometer weiter auf einer ungenutzten Weide wächst. Das Geniale daran ist, wie ich finde, dass die Familie die Kamele weder zum Futter führen, noch sie in der Abenddämmerung einsammeln und zurückbringen muss. Denn die Kamele können das alleine. Und das, obwohl sie für einen Weg manchmal ganze drei Stunden brauchen. Sie haben also ein irre gutes Gedächtnis. Ilyaas schwört darauf, dass die Kamele jeden Abend zuverlässig wieder vor der Haustüre stehen. Keines geht verloren.

Ilyaas ist seit einem Jahr mein Sprachpartner, das bedeutet, wir sehen uns mehrmals im Monat und sprechen miteinander. Das klingt so einfach, weil es das auch ist. Wir treffen uns meist bei mir, weil wir von hier aus eine große Runde im Park spazieren gehen können. Manchmal fahre ich auch zu ihm oder wir gehen in die Stadt. Wir tauschen uns dann über die verschiedensten Sachen aus. Oft bringt er Fragen aus seinem Deutschunterricht mit, manchmal Dokumente von der Ausländerbehörde – an deren Fachjargon ich schier verzweifle – oder er berichtet von Problemen, die wir versuchen gemeinsam zu lösen. Wenn ich mir schwertue, ihn zu verstehen, ist er gnädig mit mir. Ich habe ihm ein Wörterbuch ohne Worte geschenkt. Wenn alle Stricke reißen und ich ein deutsches Wort nicht umschreiben kann, werfen wir auch mal einen Blick auf die Bilder darin. Hätten wir das mal eher vor meinem ersten Kochversuch gemacht, dann hätte ich nämlich gewusst, dass Ilyaas keine Pilze mag!

Oft vergleichen wir unsere Kulturen miteinander. Wir teilen den gleichen Humor und wir sind mit sehr ähnlichen Werten aufgewachsen. Das was uns bei all dem wohl am meisten unterscheidet ist, dass Ilyaas wahnsinnig gut in Mathe und Technik ist und ich furchtbar schlecht. Deswegen möchte er auch einen Ausbildungsplatz in einem IT-Unternehmen bekommen. Er ist sehr zielstrebig und hat sehr klare Vorstellungen und doch geht er überraschend locker damit um, bisher – 4 Wochen vor Ausbildungsbeginn – noch keine Zusage bekommen zu haben. Er macht sich niemals verrückt und daran kann ich mir ein Beispiel nehmen.

Ilyaas ist so locker drauf, so hat er auch einfach mal den 1. April zu seinem Geburtstag auserkoren. Seine Mutter hat nämlich schon so viele Kinder zur Welt gebracht, dass sie nicht mit Sicherheit sagen kann, an welchem Tag im April Ilyaas geboren wurde. Das macht aber nichts. Deshalb gehört ihm jetzt der 1. April. Dass man ihn dann in Deutschland wohl an seinem Geburtstag veräppeln wird, wusste er da noch nicht – und ich lasse ihn das natürlich nicht vergessen…

An meine Sprachpartnerschaft bin ich über den Münchner Flüchtlingsrat gekommen. Die Kommunikation zum MFR war einfach und auch bei der Vermittlung an Ilyaas und die dahinterstehende IG InitiativGruppe e.V., bei der Ilyaas wohnt, hat sofort alles geklappt. Seitdem arbeite ich als Ehrenamtliche. Es ist gut zu wissen, dass es Ansprechpartner auf beiden Seiten gibt, denn nicht jede Partnerschaft muss so rund laufen wie unsere.  Einige der Geflüchteten sind traumatisiert. Das kann sich erst im Laufe der Zusammenarbeit herausstellen und dann kann es für Ehrenamtliche zu einer Herausforderung werden, ohne therapeutische Schulung richtig mit ihnen umzugehen. Zudem können auch Geschichten von Zwangsmigrationen und Fluchterlebnissen für die Ehrenamtlichen belastend sein. Daher bietet der MFR entsprechende Fortbildungen an. Es gibt auch Seminare und Workshops zu Themenschwerpunkten wie Migration, Integration und kultureller Austausch. Bisher habe ich aber noch keine besucht. Meine Zeit verbringe ich noch lieber mit Ilyaas.